Freitag 30. September 2016: Glatteis in den Tropen


Das ist kein Witz oder ein Archivbild aus den französischen Alpen. Auf 20° Süd kann es im Winter Glatteis geben. Gut, dass heute der letzte tropische Wintertag ist und die Glatteisgefahr dann wohl nicht mehr besteht. Hier hält sich das Wetter noch an den Kalender.


Kurve um Kurve, Serpentine für Serpentine geht es aufwärts. Das Glatteis bleibt zum Glück aus. Bei Temperaturen um 20° auch etwas unwahrscheinlich. 


Da fahren nur Ochsen hoch; ist ja auch der Col de Boeufs. Auf 2011 Meter über Meer hört die Strasse auf. Ab da, kann oder muss gelaufen werden. Zumindest, wenn man in die Ortschaft Marla im Cirque de Mafate will. 


Eine Stunde und 50 Minuten steht auf dem Schild. Ausser zu Fuss kann die Ortschaft nur mit dem Helikopter erreicht werden. Kaum zu glauben, dass es so etwas in Frankreich noch gibt. Hinter der Krete oberhalb des Dorfes liegt der Cirque de Cilaos, der von hier ebenfalls nur über einen Wanderweg erschlossen ist.   


Die Fahrt zum Col de Boeufs vermittelt herrliche Aus- und Tiefblicke in den dritten Vulkan-Kessel auf La Réunion, dem Cirque de Salazie. Die Strasse führt von St. André am Meer (in der Bildmitte) über die Ortschaft Grande Ilet (links im Bild). Rechts im Bild erkennt man Hell Bourg, ein schönes Dorf mit vielen gepflegten kreolischen Häusern. Wie dieses Beispiel zeigt.   





Mittwoch 28. September 2016: Sonnenaufgang am höchsten Berg im Indischen Ozean


Mit 3070 Metern (Angabe auf dem Gipfel) ist der erloschene Vulkan Piton de Neiges der höchste Gipfel im Indischen Ozean. Die Konkurrenz ist dabei auf wenige Inseln beschränkt. Einzig auf Madagaskar gibt es ähnlich hohe Berge, wobei der höchste jedoch 200 Meter niedriger ist. Seinem Namen wird der Piton de Neiges nur sehr selten gerecht. Falls er im südlichen Winter Schnee erhält, schmilzt er sofort wieder weg. 


Ausgangspunkt der Erwanderung (Besteigung wäre zu viel gesagt) dieses Berges ist die Ortschaft Cilaos. Der Gipfel ist links neben der Kirchturmspitze zu sehen. Die Kirche wurde 1930 im Art Deco Stil erbaut und gilt als eines der architektonischen Highlights der Insel. Mit ihrem Glockenspiel aus 48 Glocken ist es auch weltweit eine Besonderheit.  


Cilaos liegt auf einem Plateau auf 1200 Metern in einem durch einen kollabierten Vulkan entstandenen Talkessel. Die Gemeinde wirbt mit dem Slogan "Chamonix der Tropen" um Touristen. Das Panoramabild zeigt einen 180° Blick von Süden (links) nach Norden. 


Schon die Fahrt auf der 30 Kilometer langen Route de Cilaos mit ihren 430 Kurven ist atemberaubend. Das letzte Stück der Strasse (siehe Post vom Sonntag) führt unterhalb der charakteristischen Bergspitze durch einen Tunnel und dann dem Gelände angepasst 150 Höhenmeter hinunter und 250 Höhenmeter wieder hinauf.


Das Ziel des ersten Tages ist nach knapp 3 Stunden erreicht. Das Refuge Piton de Neiges auf 2480 Meter. 


Mit der Thermik aus dem Talkessel bilden sich Wolken, die am Grat des Kesselrands senkrecht nach oben schiessen.  

Der Berg bietet wenig Besonderes, weshalb die Betrachtung des Sonnenaufgangs so viele Menschen auf diesen Berg lockt. Wir mussten unseren Hüttenplatz eine Woche im Voraus buchen, so beliebt ist die Hütte. Frühstück wird auf der Hütte ab Halb Acht ausgegeben, wenn die ersten vom Gipfel wieder bei der Hütte eintreffen. So sind auch wir um kurz vor 4 mit Stirnlampe gestartet und waren um Viertel nach 5 auf dem Gipfel. Der Sonnenaufgang war nicht so speziell, dass man unbedingt in der Nacht 600 Höhenmeter auf den Gipfel stolpern muss. Die wie ein Wasserfall über den Rand fallenden Wolken waren hingegen recht beeindruckend. Das weisse Pünktchen ausserhalb des Wolkenbands ist die Hütte. 


Der gut besuchte Gipfel im fahlen Morgenlicht. Viele verliessen den Gipfel mit den ersten Sonnenstrahlen, da sie wohl nicht damit gerechnet hatten, dass es, obwohl in den Tropen, auf 3000 Metern kurz vor Sonnenaufgang empfindlich kalt sein kann. Selbst mit Mütze, Handschuhe und mehreren Lagen warme Kleidung ist das Warten auf die Sonne eine recht frische Angelegenheit. 



Die aufgehende Sonne wirft Schatten auf den Gipfelkopf. Der linke Schatten ist der Fotograf. 

Dann folgte der 1700 Höhenmeter lange Abstieg zu unserem Ausgangspunkt auf 1380 Metern mit einer halbstündigen Frühstückspause auf der Hütte. Für schlecht trainierte Segler-Beine kein Zuckerschlecken.  



Montag 26. September 2016: St. Denis, grösste französische Stadt ausserhalb Frankreichs


Das ehemalige Stadthaus von St. Denis, erbaut 1860. Zu seiner Zeit, das grösste Versammlungsgebäude der Insel. 


Die dokumentierte Geschichte La Réunions beginnt 1613. Portugiesische Seefahrer sichteten die Insel und trugen sieh auf ihren Seekarten ein. Sie trafen auf eine reiche Flora und Fauna, mit Tieren, die keine Scheu vor Menschen hatten. Davor waren Arabische Händler auf ihren Schiffsreisen von Madagaskar nach Indien hier gelandet und hatten ihre Wasservorräte aufgefüllt. Gedanken die Insel zu besiedeln hatten sie nicht. 1649 nahm Frankreich die Insel in Besitz und nannte sie Ile Bourbon. 1664 erfolgte die erste ernsthafte Besiedlung mit 14 Personen. 1697 war die Bevölkerung auf 588 Menschen gewachsen. Heute leben mehr als 800'000 Personen auf La Réunion, 150'000 davon in St. Denis. 

Offensichtlich war La Réunion mit den damaligen Anbaumethoden ein schwieriges Pflaster. Auch Wirbelstürme mit ihren immensen Regenmengen (die Regen-Rekorde für 12 und 24 Stunden, sowie für 1 Woche wurden alle auf La Réunion gemessen; die Rekordmenge von 1'825 mm in 24 Stunden entspricht dem doppelten des Jahresniederschlags in unseren Breiten) machten den ersten Landwirten das Leben schwer. Der ökonomische Aufschwung begann mit dem Anbau von Gewürzen und Zuckerrohr Mitte des 18. Jahrhunderts. 

Die meisten historischen Häuser, die man heute in St. Denis, vor allem in der Rue de Paris, bewundern kann stammen aus dem 19. Jahrhundert. Es sind meist die Villen reicher Grundbesitzer, die ihr Vermögen mit Zucker machten. Die folgenden Bilder zeigen ein paar dieser Zeugnisse aus einer anderen Zeit.    













Der wohl bekannteste Sohn der Insel, der Flugpionier Roland Garros. Er wurde von seinen Eltern nach Paris geschickt um Pianist zu werden. Die aufkommende Fliegerei interessierte ihn deutlich stärker und er erwarb 1910 sein erstes Flugzeug. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieg erzielte er verschiedene Langstrecken- und Höhenrekorde. Im Krieg diente er als Pilot und flog das erste Jagdflugzeug mit einem durch den Propeller-Kreis schiessenden Maschinengewehrs. Kurz vor Ende des Krieges wurde er selbst abgeschossen und kam dabei, erst 30 jährig, ums Leben. Seit 1927 führt das French Open Tennisturnier seinen Namen.



Nach dem vielen Laufen durch die Altstadt von St. Denis genossen wir die Köstlichkeiten der Bäckerei Paul, gegründet 1889.



Sonntag 25. September 2016: Der weite Weg nach Cilaos


Durch dieses Tal schlängelt sich die Strasse 30 Kilometer lang in die auf 1200 Meter gelegene Ortschaft Cilaos. Sie wurde von entflohenen Sklaven gegründet, die sich in der Unzugänglichkeit der Berge sicher fühlten. 1200 Höhenmeter auf 30 Kilometer hört sich nicht sehr steil an, die Strecke ist aber durchsetzt von Gegenanstiegen und einigen steilen Aufschwüngen. Der längste überwindet bei einer Distanz von 4 Kilometern etwas mehr als 400 Höhenmetern.

Das Wetter hat einen charakteristischen Tagesgang. Am Morgen ist der Himmel klar, am Vormittag ziehen Wolken in den Bergen auf und am Nachmittag ist es bedeckt, es regnet jedoch nicht. Durch den bedeckten Himmel sind die Temperaturen angenehm, jedoch der Brillanz von Fotos nicht zuträglich. 


Links der Bildmitte windet sich die Strasse mit unzähligen Serpentinen und Kurven empor. 


Das ist eine davon und die darauf folgende, steile Serpentine.  


Viel Platz haben die Erbauer der Strasse oft nicht gehabt, um die Trasse in den Berg zu legen. 


Auf 1000 Meter Höhe beim Obélisque, zweigt die Strasse zum Ortsteil le Palmiste Rouge ab.


Der markante Felsen ist von vielen Stellen der Strecke sichtbar. 


Mein Umkehrpunkt auf 1100 Meter. Von hier aus sind es noch 4 Kilometer bis Cilaos; 100 Meter hinunter und 200 wieder hinauf. Da die Skipperin 4 Kilometer weiter unten ihr Tagesziel erklärte und ich sie nicht allzu lange habe warten lassen wollen, genügte mir für heute der Blick auf das eigentliche Ziel. 



Am Dienstag werden wir mit dem Auto die Strecke fahren, da der Wanderweg zur Hütte für den Aufstieg zum Piton de Neiges in Cilaos beginnt. Wenn das Wetter mitspielt und wir früh genug auf den Beinen sind, dann mit freiem Blick auf die Berge des Cirque de Cilaos.  

Samstag 24. September 2016: 2200 Meter auf 27 Kilometer


Uns ist keine Strecke in den Alpen bekannt, bei der man auf so kurzer Distanz so viele Höhenmeter erleiden oder geniessen kann. Je nach Trainingszustand. Auf La Réunion gibt es eine solche Strecke, die vom Meer aus auf den Rand des Cirque de Mafate führt. Die Strasse ist im allerbesten Zustand, ohne jedes Schlagloch. 

Wir haben unseren Genuss auf die letzten 900 Höhenmeter und 11 Kilometer begrenzt. Seit unserem letzten seriösen Radfahren im April in Neuseeland sind wir nur in Australien ein paar Kilometer gefahren. Also Trainingsstand gleich Null. Die Abnahme der Temperatur mit der Höhe gilt logischerweise auch im Indischen Ozean. War es im Hafen bei Sonnenschein 25° warm, froren wir in der Abfahrt bei 12° und Nebel. Daher gibt es keine Bilder von der Krete in den Kessel.  

Geologisch ist La Réunion eine interessante Insel. Das Zentrum der Insel bilden drei in sich kollabierte Vulkankrater, wegen ihrer runden Form Cirque genannt, deren Wände an der Innenseite bis zu 1000 Meter steil abfallen. Auf der Aussenseite steigt die Landschaft wie bei allen Vulkanen üblich gleichmässig an. Neben dem Cirque de Mafate gibt es den Cirque de Salazie und den Cirque de Cilaos. Neben diesen erloschenen Vulkanen spukt von Zeit zu Zeit im Südosten der Insel der Piton de la Fournaise, der Ofen. Erst letzte Woche meldete er sich eindrucksvoll.  

Morgen wollen wir in den Cirque de Cilaos radeln. Von der Küste aus 37 Kilometer mit 1000 Meter Anstieg. Hoffentlich bei Temperatur und Steilheit der Strasse im angenehmen Bereich. Und am Ende des Anstiegs soll es in der Ortschaft Cilaos etwas für das leibliche Wohl geben. 

Mittwoch 21. September 2016: Vorher - Nachher


Das Resultat von 2 Wochen Indischer Ozean. Auch wenn keine einzige Welle in unser Cockpit eingestiegen ist, wird durch die Gischt das Boot nahezu permanent mit Salzwasser besprüht. Kräftige Regenschauer waschen das Salz für einmal weg, bis nach ein paar Stunden das ganze Boot wieder mit einer Salzschicht überzogen ist. 

Daher war heute Polier-Tag. Mit Putz-Essig, Polierpaste, Zahnbürste (nicht für die Zähne, sondern für die verwinkelten Stellen) und Lumpen bewaffnet ging es über alle Teile aus rostfreiem Stahl, um sie wieder in einen ansehnlichen Zustand zu bringen. Bis alle Beschläge, Relingsstützen, Bugbeschlag und die zwei Steuerräder wieder glänzen, ist der Tag vorbei. 

Richtig gelesen; alle Stahlteile auf dem Boot sind aus "rostfreiem" Stahl. Umgangssprachlich unter V4A Stahl bekannt. Das ist ein Chrom-Nickel Stahl, der mit 2% Molybdän beständig gegen Chlor-haltiges Wasser gemacht wird. Wird der Anteil des Molybdäns auf 3% bis 7% erhöht, verbessert sich die Korrosionsbeständigkeit und der Stahl wird teurer. Wir haben Teile an Bord, die selbst nach Jahren überhaupt keine Spuren von Rost zeigen. Bei anderen Teile hingegen kann man nach dem Polieren zuschauen, bis sich wieder erste Rostflecken bilden. 


Schade, dass manche Hersteller von Ausrüstungsgegenständen auf Booten beim Material sparen. Wobei ihre Kostenoptimierung für die meisten Kunden aufgeht. Auf Bootsausstellungen und in Häfen braucht es keine besondere Korrosionsfestigkeit. Selbst bei Booten, die fünfmal im Jahr bei schönen Wetter und wenig Wind aus dem Hafen gefahren werden, wird der Kunde immer noch zufrieden sein. Alle anderen geniessen das Erfolgserlebnis beim Polieren, wenn der Rost verschwindet und der spiegelnd glänzende Stahl zum Vorschein kommt.  



Dienstag 20. September 2016: Wir sind in Europa

Nach genau 14 Tagen und 2450 Seemeilen direkter Distanz haben wir im Port de Galets auf La Réunion um 15 Uhr Lokalzeit festgemacht. Der Indische Ozean, der bei Seglern auf der Beliebtheitsskala sehr weit unten steht, hat es mit uns wohl vergleichsweise gut gemeint. Ausser ein paar heftigen Böen in den ersten Tagen und den Regenböen in der letzten Nacht hat wir zwar fast auf der gesamten Strecke Starkwind und grobe See, aber niemals Wind in Sturmstärke. 


Zoll-technisch sind wir mit unserer Ankunft im Hafen in den Schengen-Raum eingereist. Die Ile de La Réunion ist als französischen Departement Teil der EU. Wir zahlen mit dem Euro, der bei seiner Einführung wegen der Zeitverschiebung von 3 Stunden zuerst hier im Indischen Ozean als neues Zahlungsmittel galt. 

Wir liegen in einem neuen Hafen, der zu 60% aus Mitteln der Europäischen Union finanziert wurde. Soll jemand noch behaupten, dass es die EU nicht brauchen würde. Der Hafen ist eine Umnutzung des früheren Handelshafens, wo vor allem Zucker verladen wurde. 


Die Stilllegung des "Terminal Sucrier" wurde genutzt eine Marina in das Hafenbecken zu integrieren (siehe Luftaufnahme bei Seite Aktueller Standort). Zucker ist weiterhin das wichtigste Exportgut der Insel. Die Verladung findet jedoch in einem neuen, grösseren Hafen 5 Meilen östlich des alten Hafens statt. 

Die Ortschaft zum Hafen mit dem sinnigen Namen Ville du Port ist nicht unbedingt eine Augenweide, aber es gibt alles was wir brauchen. Leider spürt man den ehemaligen kolonialen Charme eines Hafenstädtchens nur an wenigen Gebäuden. Zumindest als erster Eindruck.  


  

Wie nach jeder langen Passage heisst es zuerst NOE vom Salz befreien, reinigen, polieren, Wäsche waschen und das Programm für den Aufenthalt auf Le Réunion organisieren. Den Platz auf der Hütte zum Aufstieg zum 3069 Meter hohen Piton de Neiges haben wir heute gebucht. Ohne Hütte soll es ein 5 stündiger Marsch zum Gipfel sein. Für Segler eine unvorstellbare Distanz. 

Viele Bilder haben wir nicht vom Indischen Ozean. Viel Wind und hohe Wellen lassen sich schlecht fotografisch einfangen. Der Blick ins Kielwasser am einzigen Tag mit weniger als 5 Windstärken. 


    
Die Crew konzentriert am Rad an eben diesem Tag. 


Mondaufgang bei Vollmond


Wir passieren Mauritius in der Abendsonne.



Passage Cocos Keeling – La Réunion

Montag 19. September 2016: Tag 14

Finale furioso. Mit einem weiteren Etmal von 193 Seemeilen, Regenböen bis 7 Windstärken und einer groben See auf den letzten 24 Stunden verabschiedet sich der Indische Ozean. Zumindest was diese Passage angeht.

Gestern Nachmittag um 17 Uhr hiess es „Land in Sicht“. Mauritius tauchte am Horizont auf. Kurz nach 21 Uhr hatten wir die vorgelagerten Inseln querab und änderten unseren Kurs um 10° südlicher auf den Wegpunkt Réunion in 144 Seemeilen Entfernung.

Die dann einsetzten Regenböen ärgerten uns ein paar Stunden bis der Himmel wieder aufklarte. Da wir nur mit der Fock unterwegs waren, mussten wir keine Änderungen an unseren Segeln vornehmen. Einzig einmal musste ich blitzschnell aus dem schützenden Salon ins Cockpit springen, da der Autopilot bei einer Welle an den Anschlag lief und mit einer Fehlermeldung den Dienst quittierte. Im strömenden Regen auf Handbetrieb gestellt, Kurs korrigiert, wieder den Autopiloten angestellt und zurück in den Salon. Gefühlt etwa 30 Sekunden an der frischen Luft. Bis der Wind wieder etwas abflaute, liefen wir 20° tiefer (also weniger spitz zum Wind), um den Druck vom Segel zu nehmen. Den Rest der Nacht noch ein bisschen geschlafen, was bei den Bedingungen nicht zu einem Tiefschlaf führt.

Um 1030, nach knapp 14 Tagen und 2450 Seemeilen auf See sehen wir La Réunion mit dem 3069 Meter hohen Piton de Neiges vor uns aus dem Dunst auftauchen.


Unsere Position um 1200 Mittag Bordzeit ist 20°38.2’S, 55°36.4’E. Bis zum Hafen Port de Galets, an der Nordwestseite der Insel liegen noch 25 Meilen vor uns. 


Sonntag 18. September 2016: Tag 13

Mit einem Etmal von 193 Seemeilen steigen unsere Chancen La Réunion morgen noch mit Tageslicht zu erreichen. 212 Meilen liegen noch vor uns. Die Distanz haben wir zur Hälfte mit dreifach gerefften Grosssegel und Fock sowie zur anderen Hälfte nur mit der Fock als einziges Segel erreicht. Gestern Abend haben wir das Grosssegel geborgen, da der Wind in den Böen über 24 Knoten erreichte und das Leben an Bord unbequemer wurde. Zum Kochen und für die Mahlzeiten fielen wir 15 bis 20 Grad ab, damit das Boot ruhiger liegt und weniger krängt. Unser Ziel liegt jedoch weiter im Süden, weshalb wir nach dem Abwaschen wieder anluven müssen.

Je weiter wir nach Süden kommen, desto kühler wird es. Obwohl immer noch in den Tropen, braucht es morgens unter Deck einen Pullover. Bei den schönen Segelbedingungen steuern wir zum Teil selbst. Ohne windfeste Jacke ist der frische und kühle Wind trotz strahlendem Sonnenschein dabei unangenehm. Kein T-Shirt Segeln mehr. Auch steigt mit unserem Kurs nach Südwesten stetig der Luftdruck. Wir kommen dem subtropischen Hochdruckgebiet, welches bei etwa 30° Süd, liegt immer näher. Das ist das Pendent zum Azorenhoch, dessen Lage und Stärke unser Wetter zu Hause beeinflusst. Zum ersten Mal seit langem haben wir einen Druck von mehr als 1020 mbar, also über 10 mbar über dem typischen Druck 10 Breitengrade weiter in Norden.

Steuerten wir beim Auslaufen von Cocos Keeling einen direkten Kompass-Kurs von 257° nach La Réunion sind es jetzt 271°. Wie in unseren heimischen Breiten verläuft das Magnetfeld der Erde bei Cocos Keeling fast parallel zu den Längengraden. Auf La Réunion beträgt die Verschiebung (Missweisung nennt das der Nautiker) 20° nach Westen. Und in Südafrika werden es sogar 25° sein. Die Navigationselektronik berücksichtigt die Abhängigkeit der Missweisung von unserem Standort, so dass man sich um Feinheiten wie Umrechnung des Karten-Kurs in den Kompass-Kurs nicht kümmern muss. Wobei 20° bei ozeanischen Distanzen alles andere als eine Feinheit ist.

Unsere Position um 1200 Mittag Bordzeit ist 19°28.6’S, 58°47.1’E.

Samstag 17. September 2016: Tag 12


Heute Morgen lag die kleine Insel Rodrigues 75 Meilen südlich von uns, Mauritius 250 Meilen vor uns und das Cargados Carájos Shoal 160 Meilen nordwestlich von uns. Noch nie gehört? Man muss es auch nicht kennen. Ausser man segelt in dieser Gegend. Auf unserem Übersegler im Massstab 1:10‘000‘000, der den gesamten südlichen Indischen Ozean von Australien bis nach Afrika zeigt, ist diese Untiefe deutlich zu erkennen. Elektronische Karten zeigen hingegen je nach eingestelltem Massstab nicht alles. Wenn man sehen möchte, welche tragische Folgen es haben kann, wenn man auf einer elektronischen Karte nicht den gesamten Kurs in einem kleinen Massstab anschaut, findet bei Youtube mit den Stichworten Volvo Ocean Race, Vestas Wind, Grounding ein paar Videos.

Auf dem Highway der Globalisierung war heute mächtig Verkehr. Zuerst sahen wir (zum ersten Mal auf dieser Passage) ein uns überholendes Schiff. Es war der Flüssiggas-Tanker Gas Star mit dem Ziel Houston, wo er am 13.10. ankommen möchte. Kurz darauf kamen zwei grosse Frachtschiffe von Südwesten und passierten den LNG Tanker in 2 Meilen Abstand. Zeitgleich hatten wir noch das Signal eines Frachters 12 Meilen nördlich von uns.

Zum letzten Mal auf dieser Passage war heute Backtag. Anders als sonst setzten wir den Teig nicht mit 300 Gramm Dinkelmehl und 200 Gramm Weissmehl an, sondern nur mit Weissmehl. Dann ist der Übergang zu den Baguettes auf La Réunion nicht so krass.

Unsere Position um 1200 Mittag Bordzeit ist 18°37.6’S, 62°04’E. Mit einem Etmal von 175 Seemeilen verbleiben bis nach La Réunion 405 Seemeilen. So wie es derzeit aussieht, stehen uns noch 2 windige Tage mit 5 bis 6 Beaufort bevor. Der wahre Wind kommt aus Südost, das heisst fast 90° zur Schiffsachse und der scheinbare Wind leicht von vorne. Nicht das bequemste Segeln, aber wir kommen gut voran.

Freitag 16. September 2016: Tag 11

Ein komplett unaufgeregter Tag. Der Wind wurde in der Nacht schwächer und unsere Geschwindigkeit sank auf unter 6 Knoten, da wir weiter mit stark gerefften Grosssegel unterwegs waren. Die Mannschaft nachts um 3 Uhr zum Ausreffen an Deck zu bitten, ist eine Option. Ergibt einen Knoten mehr Geschwindigkeit, aber keine Pluspunkte des Skippers bei der Skipperin. Eher Minuspunkte.

Hatten wir in den letzten Tagen die Hilfe des Äquatorial-Stroms, läuft der Strom jetzt gegen uns. Verstehen wir zwar nicht, da der Strom immer in die gleiche Richtung gehen sollte und nur in der Stärke variiert. War unsere GPS-Geschwindigkeit in den letzten Tage 0.5 bis 1 Knoten oberhalb der Logge, haben sich die Verhältnisse jetzt umgedreht.

Grosse Frachtschiffe mit knapp 1000 Fuss Länge und einem Tiefgang, der unserer Bootslänge entspricht, kamen uns auch in den letzten 24 Stunden entgegen. Bislang alle mit dem Ziel Singapur oder China. Manche der Schiffe gehören zu den Treibstoff sparenden Langsam-Fahrern und stampfen mit 10 Knoten durch die See, machen haben es eiliger und laufen fast doppelt so schnell. Keines hat uns bislang überholt. Fahren wir in umgekehrter Richtung auf einer Einbahnstrasse der Globalisierung?

Angelglück blieb uns auch heute versagt. Halten die Fische Diät oder haben einen vegetarischen Tag? Wir sehen keine Seevögel, keine Delphine und nur wenige fliegende Fische. Keine guten Zeichen für Angler.

Unsere Position um 1200 Mittag Bordzeit ist 17°50.7’S, 65°02.4’E. Bis nach La Réunion verbleiben noch 580 Seemeilen. Wenn es die nächsten 3 Tage gut läuft, sollten wir am Montagabend oder Dienstagmorgen ankommen. 

Donnerstag 15. September 2016: Tag 10


Wie gestern geschildert, segelten wir die letzten zwei Tage entlang des 16. südlichen Breitengrads auf den 70. Längengrad Ost zu. Als klar war, dass die Störung mit schwachem Wind hinter uns liegt, gingen wir schon bei 71° Ost auf den direkten Kurs nach La Réunion, wobei wir einen kleinen Bogen bei Mauritius fahren müssen, wollen wir nicht stranden.

Der Wind aus Süd frischte gegen 14 Uhr auf 4 bis 5 Windstärken auf, was bei einem Kurs von 255° und 8 bis 9 Knoten Bootsgeschwindigkeit zu einem scheinbaren Wind von über 20 Knoten führt. Mit Genua und 2. Reff im Grosssegel, in der Nacht sogar 3. Reff, machten wir 210 Seemeilen auf unser Ziel gut. War nicht besonders bequem, da der Geräuschpegel im Boot steigt und man das Gefühl hat, von Welle zu Welle zu springen. Nur im Pazifik waren wir einmal mit 216 Meilen in 24 Stunden noch etwas schneller unterwegs.

Als wir gestern Abend unseren Generator starteten, zeigt er an, dass die Starter-Batterie eine geringe Spannung von 11.6V hat. Generator und Motor haben eine gemeinsame Starter-Batterie, die nur vom Motor geladen wird. Da wir in den letzten 7 Tagen den Motor nur einmal für ein paar Minuten zum Setzten des Grosssegels laufen liessen, aber jeden Tag zweimal den Generator starten, haben wir dieser Batterie keinen Gefallen getan. Die Befürchtung, dass sich der Motor vielleicht mit der teilweise entladenen Batterie nicht mehr starten lässt, hat sich bewahrheitet. Der Generator ist etwas genügsamer und liess sich ohne Probleme heute Morgen starten.

Da genügend Batterien an Bord sind, hätten wir unser Problem mit einem aus anderen Kabeln zweckentfremdeten Fremdstartkabel oder dem Tausch der Starterbatterie lösen können. Wir wählten die dritte Lösung und nahmen das kleine Ladegerät, welches wir seit dem Wechsel auf eine grössere Einheit in Lanzarote als Ersatzteil um die Welt gesegelt haben und schlossen es an die Batterie und das 220V Netz an. Nach einer Stunde laden, war unser Problem gelöst. Der Motor sprang ohne Schwierigkeiten an. Zukünftig werden wir der kleinen Spannungsanzeige des Displays unseres Generators die ihm gebührende Aufmerksamkeit widmen.

Unsere Position um 1200 Mittag Bordzeit ist 17°00’S, 67°53.2’E. Mit unserem Rekordetmal für den Indischen Ozean verbleiben noch 751 Seemeilen nach La Réunion.

Mittwoch 14. September 2016: Tag 9

Es immer wieder erstaunlich, wie präzise der Wetterbericht für das Meer sein kann. Wie angekündigt hat heute Nacht der Wind von Ost auf Süd gedreht. Wir waren damit im Ausläufer einer Störung des Passatwinds angekommen. Die Meteorologin in Kiel empfahl uns nicht südlicher als 16° Süd zu segeln, damit wir möglichst lange guten Wind haben und nur kurz durch die Störung gebremst werden. Der bedeckte Himmel, ein paar Regenschauer in unserem Rücken und der leichte Wind aus Süden mit 2-3 Windstärken waren nach 10 Stunden, beziehungsweise 50 Seemeilen, hinter uns. Seit heute Nachmittag um 14 Uhr geht es mit einer frischen Brise und einer Bootsgeschwindigkeit von 8 bis 9 Knoten Bootsgeschwindigkeit flott Richtung La Réunion. Aber darüber Morgen mehr.

Haben wir 8 Tage nur Wasser und Himmel gesehen, nähern wir uns wieder der Zivilisation. Zumindest ihren Transportrouten. In wenigen Stunden passierten 3 Schiffe unseren Kurs, alle Richtung Singapur. Mit blossen Auge haben wir sie nicht gesichtet. Das automatische Identifikationssystem hat sie angezeigt und Details der Schiffe wie Name, Grösse, Bestimmungsort, und erwartete Ankunftszeit verraten. Ab jetzt heisst es wieder in der Nacht regelmässig aufstehen und einen Blick auf den Horizont und den Bildschirm werfen. Falls auf einem dieser grossen Pötte die Wache schläft.

Unsere Position um 1200 Mittag Bordzeit ist 15°59’S, 71°19.2’E. Mit dem zeitaufwendigen Kreuzen vor dem Wind und dem Durchsegeln der Störung haben wir uns in 24 Stunden unserem Ziel La Réunion 119 Seemeilen genähert, das nun 960 Seemeilen entfernt liegt.

Dienstag 13. September 2016: Tag 8

Der Wind ist schwächer geworden in den letzten 24 Stunden, er bläst in die Richtung in die wir wollen und wir haben immer noch, wenn auch geringer als in den ersten Tagen, Schwell aus Südost. Keine Bedingungen für rekordverdächtige Etmale. So näherten wir uns unserem Ziel wie schon gestern nur um 156 Meilen. Mittlerweile kreuzen wir vor dem Wind um Rigg, Segel und Nerven zu schonen.

Wir wollen aber nicht klagen. Die Sonne scheint und ab Mittwochmorgen soll der Wind auf Süd drehen und sich wieder eine stabile Passatströmung einstellen. So stabil, dass sie uns die letzten 900 Meilen nach La Réunion erhalten bleibt. Anfänglich mit 4-5 Windstärken, später mit bis zu 6 in den Böen. Dann sollte es wieder die grossen Etmale geben.

Der Indische Ozean wird im Segelführer als sehr fischreich beschrieben. Seit 4 Stunden ziehen wir den Köder hinter uns her; bislang ohne Anglerglück. Da wir nur einzelne Seevögel sehen und bislang keine Delphine uns begleiteten, sind unsere Hoffnungen auf frischen Fisch nicht allzu gross. Und der Segelführer ist 10 Jahre alt. Vielleicht haben wir Menschen den Indischen Ozean schon leergegessen.

Unsere Position um 1200 Mittag Bordzeit ist 15°57’S, 73°23.5’E.

Montag 12. September 2016: Tag 7


Bergfest und Geburtstag der Skipperin. Da gibt es frisches Brot und zum Mittagessen ein Quiche Loraine. Wir haben heute Mittag genau die Hälfte der Distanz der angepassten Route von 2490 Seemeilen nach knapp 7 Tagen geschafft.

Die guten Etmale zu Beginn gab es leider in den letzten Tagen nicht mehr. Jedoch besser so, als bei Sturm hier unterwegs zu sein. 4 Bücher von Weltumseglern haben wir an Bord, die genau die gleiche Strecke genommen haben. Alle 4 berichten von zum Teil sehr stürmischen Verhältnissen, die zwischen einigen Tagen und mehreren Stunden andauerten. Wie der Wetterbericht aussieht, sollte uns das Wetterglück auch auf der zweiten Hälfte der Strecke hold sein. Abgesehen von den wenigen Böen mit Windstärke 8 in den ersten Tagen.

Unsere Position um 1200 Mittag Bordzeit ist 15°02’S, 76°35.5’E. In den letzten 24 Stunden haben wir 156 Meilen auf unser Ziel gut gemacht. Das bislang schlechteste Etmal auf dieser Passage. Die Hoffnung mit Grosssegel und Fock etwas Boden wieder gut zu machen, erfüllte sich nicht. Schon um 20 Uhr ging eine Regenbö mit 30 Knoten Wind, also 7 Beaufort, über uns hinweg. Schnell war das Grosssegel geborgen und wir standen kurz danach in einem Windloch. Bis nachts um 3 Uhr blieb uns der Mix aus Regenschauern, Böen und Windlöchern erhalten, wobei nur die erste Bö so stark ausfiel. Seither segeln wir wieder unter klarem Himmel bei 15 Knoten Wind und etwas zu hoher Dünung dahin.

Sonntag 11. September 2016: Tag 6

Heute Morgen beim Anschalten des Generators zum Laden der Batterien war das Motorengeräusch anders als sonst. Nach wenigen Sekunden schaltete der Generator mit der Fehlermeldung „Auspuff zu heiss“ ab. Zuerst Wassereinlauf und Einlaufsieb kontrolliert. Bis auf ein paar Seegräser im Filter war alles i.O. Beim zweiten Start des Generators sahen wir, dass kein Wasser angesaugt wird. Also Wasserpumpe am Generator anschauen. Dieses Teil kennen wir nach der Austauschaktion in Savu Savu auf Fiji sehr genau.

Siehe da, der Impeller hatte nicht mehr 6 sondern nur noch 4 Flügel. Leider lagen die abgebrochenen Flügel nicht in der Pumpe sondern mussten sich im Zulauf oder Ablauf verdrückt haben. Das Entfernen der Schläuche von den 90° Anschlüssen an der Pumpe geht trotz der beengten Platzverhältnisse einigermassen gut. Die Anschlüsse hingegen lassen sich aber nicht von der Pumpe schrauben, da sie länger sind als der Abstand zur Wanne, in der der Generator montiert ist. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder die Pumpe inklusive Antrieb vom Generator abbauen oder die Anschlüsse um 5 mm kürzen. Die erste Variante haben wir nach der Ein- und Ausbau-Erfahrung im letzten Jahr, wohlgemerkt im ruhigen Hafen und nicht auf dem rauen Indischen Ozean, verworfen. Das Absägen der Anschlüsse war dagegen ein Kinderspiel, da die Anschlüsse aus Kunststoff sind. Einen Flügel fanden im Anschluss des Zulaufs, den anderen an gleicher Stelle im Ablauf.

Daraufhin wieder alles montiert, neuen Impeller eingesetzt und der Generator läuft wieder wie eine Eins. Normalerweise lebt ein Impeller zwischen 600 und 1000 Stunden. Dieser hatte es nur auf 200 Stunden gebracht. Eine echte Niete.

Unsere Position um 1200 Mittag Bordzeit ist 15°02’S, 78°35.5’E. In den letzten 24 Stunden haben wir „nur“ 166 Meilen auf unser Ziel gut gemacht. Trotz des auf 4 bis 5 Windstärken abflauenden Windes waren wir in der Nacht im Komfort-Modus, also nur unter Fock, unterwegs. Und am Morgen haben wir uns um den Generator gekümmert. In den Sportmodus, also mit Grosssegel und Fock, wechselten wir erst nach dem Mittagessen Jetzt segeln wir wieder mit knapp 8 Knoten auf den Wegpunkt 15°S 72°E zu, der 360 Meilen im Westen liegt. Von dort verbleiben 1000 Seemeilen nach La Réunion.

Samstag 10. September 2016: Tag 5

In den letzten Stunden flaute der Wind auf 5 bis 6 Beaufort ab. Die See beruhigte sich etwas, desgleichen die Skipperin, die den Anblick der aus Südwesten heranrollende, mit Schaumkronen belegten 3-4 Meter hohen Dünung nicht besonders schätzt. Auch wenn keines dieser Wellengebilde in unser Cockpit eingestiegen ist oder noch schlimmer NOE querstellte. Dafür waren die Wellen zum Glück nicht steil und gross genug.

Das im Süden von uns liegende grosse Subtropen-Hoch schaufelt weiter relative trockene und kühle Luftmassen zu uns. Bis auf ein paar Passatwolken haben wir blauen Himmel bei 24° Aussentemperatur. Regen ist auch für die nächsten Tage nicht in Sicht, wobei eine kräftige Süsswasserdusche nicht schlecht wäre, um die Salzkruste vom Boot zu waschen.

Seit Cocos Keeling sind wir ausser in der ersten Nacht keinem Schiff begegnet, noch sehen wir Delphine. Nur ein paar Seevögel und fliegende Fische bekamen wir zu Gesicht. Gefischt haben wir noch nicht, da das Auseinandernehmen des Fisches mit dem scharfen Messer auf dem heftig schwankenden Achterdeck wohl nur etwas für Hardcore-Angler ist. Wir warten auf bessere Verhältnisse oder die Fischrestaurants auf La Réunion.

Unsere Position um 1200 Mittag Bordzeit ist 14°52’S, 81°38.8’E. In den letzten 24 Stunden haben wir 186 Meilen auf unser Ziel gut gemacht.

Heute hatten wir zweimal 12 Uhr. Da wir seit Cocos Keeling 15 Längengrade überquerten, war es an Zeit, die Bordzeit um 13.30 auf 12.00 zurück zu stellen. Jetzt liegen wir 5 Stunden vor UTC, 3 Stunden vor Mitteleuropäischer Sommerzeit. Bei unserer Zeitumstellung haben wir noch 1565 Meilen vor uns. 


Freitag 9. September 2016: Tag 4

Gestern Nachmittag bekamen wir ein Wetter-Update von unserem Wetterrouter Wetterwelt. Neben den GRIB-Files, die wir täglich von einem US-amerikanischen Wetterserver abrufen, erhalten wir hier detaillierte Informationen zum Wettergeschehen inklusive alternativer Routenvorschläge, falls sich das Wetter auf dem direkten Kurs zu unseren Ungunsten entwickelt.

Die in der Nähe von Cocos Keeling liegende Störung auf 10°S 95°E, die uns bewog am Montag zu starten, driftet mit dem Passat nach Westen. Wir sind schnell genug, dass sie uns nur am Rande beschäftigt. Gestern Abend frischte der Wind von 7 auf 8 Beaufort auf, weshalb wir unser Vorsegel etwas verkleinerten (für Nichtsegler, das Vorsegel hat eine Rolleinrichtung, um es um den Vorstag zu wickeln. Damit lässt sich die Segelfläche nahezu beliebig variieren bzw das Segel vollständig bergen. Das Profil des Segels wird jedoch mit zunehmender Verkleinerung deutlich schlechter).

Ab heute Morgen und nun schon den ganzen Tag segeln wir wieder mit vollständig ausgerolltem Segel bei 6 bis 7 Windstärken aus Südost mit einer durchschnittlichen Bootsgeschwindigkeit von 8 Knoten durch den groben indischen Ozean. Manche Wellen mögen 4 Meter hoch sein, da sie aber sehr lang sind, sind die Bootsbewegungen schon fast erträglich (nach Ansicht des Skippers)

Anfang nächster Woche bildet sich zwischen 19° und 21°S sowie 72° und 75°E eine tropische Störung aus, die nach Südwesten zieht. Damit wir deutlich nördlich von ihr bleiben, wurde uns empfohlen, die nächsten Tage direkt nach Westen zu segeln und erst ab dem Punkt 15°S 72°E nach La Réunion zu steuern.

Erstaunlicherweise verlängert diese Routenanpassung die Distanz nur um 40 Seemeilen, was bei einer Gesamtdistanz von 2450 Seemeilen nicht ins Gewicht fällt. Auf der Karte betrachtet, sieht der „Umweg“ grösser aus.

Unsere Position um 1200 Mittag Bordzeit ist 14°44.4’S, 84°50.7’E. Auf der neuen Route liegen nun 1760 Seemeilen vor und 730 hinter uns. In den letzten 24 Stunden waren wir mit 190 Meilen ähnlich schnell unterwegs wie in den Tagen zuvor.

Donnerstag 8. September 2016: Tag 3

Wieder knapp darunter. Waren wir bis heute Morgen um 6 Uhr mit 150 Seemeilen in 18 Stunden auf 200 Meilen Kurs, wurde der Wind am Morgen etwas schwächer und erlaubte uns „nur“ 46 Meilen für das letzte Viertel. 196 Seemeilen, also ein Schnitt von 8 kn, wobei der Strom mit einem halben Knoten schiebt, bringen uns wieder ein grosses Stück näher an unser Ziel und so wie das Wetter derzeit aussieht auch ausreichend schnell aus einer Zone mit stärkerem Wind.

In der Nacht sind wir über die Ninety East Ridge gesegelt. Das ist ein Unterseeischer Bergrücken entlang des 90. Längengrads von 35° Süd bis zum Äquator. Dort steigt der Meeresboden von Osten kommend aus einer Tiefe von 5000 Meter auf einer kurzen Strecke auf weniger als 2000 Meter an, wobei es Stellen deutlich unter 1000 Meter gibt. Andere Segler berichten von einer Zone mit stärkeren Wellen, was wir jedoch nicht beobachteten. Entweder haben wir zu gut geschlafen oder der Effekt ging im Rauschen der eh schon groben See unter.

Alle 1 bis 2 Stunden wache ich in der Nacht auf. Seit wir Cocos Keeling verlassen haben, sehen wir bis zum Horizont nur Wasser. Falls ein Frachtschiff unseren Kurs kreuzt, warnt uns das AIS. Zwei Schiffe näherten sich uns auf etwa 18 Seemeilen, das heisst, optisch waren sie hinter dem Horizont, jedoch ihr UKW-Signal empfingen wir. Die Wahrscheinlichkeit auf ein anderes Segelboot zu treffen, kann man nicht ausschliessen, sie ist aber sehr gering.

Der schwächere Wind am Morgen und die etwas beruhigten Bootsbewegungen erlauben uns frisches Brot zu backen und unter erträglichen Bedingungen zu kochen. Kurz bevor das Brot aus dem Ofen kam, frischte der Wind wieder auf 25 kn auf und wir mussten um 20° abfallen (für Nichtsegler, einen um 20° weniger spitzen Winkel zum Wind segeln), damit es in der Backstube keine Unfälle gibt. Der Skipperin geht es für den Anfang der Passage vergleichsweise gut. Essen von kleinen Portionen ist kein Problem, nur darf sie sich nicht aus der Horizontalen begeben. Daher hat der Skipper Dienst in der Bäckerei und Küche.

Unsere Position um 1200 Mittag Bordzeit ist 14°32.7’S, 88°08.3’E.

Mittwoch 7. September 2016: Tag 2

Das 200 Seemeilen Etmal haben wir knapp verpasst. 198 Seemeilen haben wir in den letzten 24 Stunden auf unser Ziel La Réunion gut gemacht.

Gegen Abend hat der Wind auf 6 Beaufort aufgefrischt, weshalb wir das Grosssegel bargen und nur mit der Fock in die Nacht gesegelt sind. Eine richtige Entscheidung, wie sich ein paar Stunden später herausstellte, als der Wind auf über 30 Knoten, also 7 Windstärken zulegte. Die See ist entsprechend grob mit Wellenhöhen zwischen 2 und 3 Metern, was das Leben an Bord etwas unbequem macht. Von Zeit zu Zeit schwappt eine Welle über unser Vordeck, das Cockpit bleibt jedoch nahezu trocken. Mal scheint die Sonne, dann ist der Himmel wieder grau.

Ansonsten gibt es wenig Spannendes zu berichten. Ausser ein paar Tropfen Salzwasser in der Bilge. Vielleicht ist eine der Relingstützen nicht mehr ganz dicht. Auf der Strecke von Christmas Island nach Cocos Keeling bemerkten wir in einer Nacht, dass unser Positionslicht auf der Mastspitze nach nicht mehr funktioniert. Es ist ein LED-Licht, für das der Hersteller eine Lebensdauer von 50.000 Stunden angibt. Das haben wir bei weiten noch nicht erreicht. Seither segeln wir nachts mit dem weissen Ankerlicht.

Für Nichtsegler: Schiffe müssen je nach Grösse, Antrieb (Motor oder Segel), vor Anker liegend, als Fischer usw. nachts verschieden Lichter führen. Als Segler zeigt man drei Lichter, nach rechts grün, nach links rot und nach hinten weiss.

Falls wir jemanden begegnen, der nicht unser AIS-Signal empfängt, kann er unser Licht als Ankerlieger oder kleines Boot mit weniger als 7 Meter Länge deuten. Da beides mitten auf einem Ozean sehr unwahrscheinlich ist, wird er trotz unseres falschen Positionslichtes wohl ausreichend Abstand halten. In La Réunion werden wir das Licht ersetzen.

Unsere Position um 1200 Mittag Bordzeit ist 13°39’S, 91°23’E.

Dienstag 6. September 2016: Tag 1

Gestern um 1630 lichteten wir unseren Anker. Obwohl 3 Stunden vor höchstem Wasserstand, hatten wir bei der Ausfahrt mehr Wasser unter dem Kiel als bei der Einfahrt. An der kritischen Stelle war ich vor ein paar Tagen schnorcheln und habe mit einem Lot und der Peilung entlang der zwei Seezeichen mir den Weg eingeprägt. Bei unserer Fahrt mit der Fähre nach Home Island habe ich dem Kapitän über die Schulter geschaut, der ebenfalls einen S-förmigen Kurs an der kritischen Stelle gefahren ist. Obwohl die Fähre nur 90 Zentimeter Tiefgang hat und er auch kerzengerade herausfahren könnte.

Bevor wir den Anker lichteten, testen wir unsere Seenotfunkboje (EPIRB, emergency position indicating radio beacon). In einem Bericht Ende April dieses Jahres haben wir den Batteriewechsel in Neuseeland erwähnt, da ungewöhnlicher Weise die Batterie schon nach 2 Jahren leer war. Der Hersteller garantiert 5 Jahre. Vor unserer Abfahrt in Vanuatu testen wir das Gerät und mussten zu unserer Überraschung feststellen, dass es 2 Monate nach Austausch der Batterie wieder nicht funktionierte.

In Darwin haben wir den Vertreter der Marke unserer EPIRB aufgesucht. Der amerikanische Hersteller hat kulant reagiert, nachdem wir in zwei Jahren zwei Batterien ausgetauscht hatten (diese Kosten entsprechen ungefähr dem Neuwert einer EPIRB) und hat unsere 7 Jahre alte EPIRB gegen eine Neue getauscht. Und siehe da, der Test verlief erfolgreich. Da jede EPIRB eine charakteristische Nummer sendet, haben wir der für uns zuständigen Behörde in Bari, die neue Nummer mitgeteilt und gebeten die alte zu löschen. Die Antwort steht nach 4 Wochen noch aus. Italien ist in den Ferien.

Seit gestern Abend sind wir gut unterwegs. Bis heute Mittag 1200 Bordzeit (4.5 Stunden vor MESZ, das ist die Zeit von Cocos Keeling) haben wir 140 Meilen auf unser Ziel gutgemacht. Hochgerechnet auf 24 Stunden ein Etmal von 180 Seemeilen. Unsere aktuelle Position um 1200 ist 12°39’S, 94°36’E.

Montag 5. September 2016: Abschied von Cocos Keeling



Nach einer Woche an diesem wunderschönen Ankerplatz heisst es für uns Abschied nehmen und NOE's Bug wieder nach Westen richten. Damit verlassen wir auch Australien, das wir 10 Wochen lang auf dem Wasser und zu Lande schätzen gelernt haben. 

Etwas Wehmut schwingt immer mit, wenn wir solche Orte verlassen. Ob wir jemals wieder hierher kommen? 

Wie viele andere Segler hinterlassen wir als Erinnerung ein kleines Schild an einer Palme. Das Holz haben wir am Strand gefunden und in Ermangelung von Farbe an Bord haben wir mit einem Stecheisen die Buchstaben herausgearbeitet.   


In ein paar Stunden, wenn die Tide höher steht, werden wir diesen Blick im Kielwasser haben. 


Dann heisst es 2450 Seemeilen Indischer Ozean, der bei Seglern wegen seines im Vergleich zum Pazifik stärkeren Windes und höherer Wellen keinen guten Ruf hat. 2450 Seemeilen beträgt die Distanz nach La Réunion. Es gibt noch die Möglichkeit nach 2000 Seemeilen auf Rodrigues oder nach 2300 Seemeilen in Mauritius halt zu machen. Beide Häfen sollten nicht sehr schön sein und zudem ist auf den Inseln die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Das stört uns zwar nicht, aber die Behörden in La Réuinion. Daher werden wir ohne Stopp die nächsten 2450 Seemeilen segeln. 

Wind und Wetter sollen bis Samstag gut sein. Dann streift uns wahrscheinlich der Rand eines Tiefdruckgebiets mit Böen um 8 Beaufort. Keine sonderlich angenehme Vorstellung. Die Alternative Warten und das gleiche am Ankerplatz zu erleben und nicht sicher zu sein, wann die nächste Starkwind- oder Stumzone durchzieht, haben wir verworfen. Alle Berichte von anderen Seglern erwähnen stürmische Verhältnisse auf dem Indischen Ozean für ein paar Stunden oder sogar Tage. Da muss man wohl durch. Wie auf allen Passagen werden wir täglich unsere Positionsmeldung durchgeben und erzählen wie es uns geht.    

Samstag 3. September 2016: Australiens Langzeit-Experiment mit Helikopter-Geld




Helikopter-Geld oder bedingungsloses Grundeinkommen als staatliche Massnahme zur Wirtschaftsförderung ist ein leidenschaftlich diskutiertes Thema. Australien hat im Mikrokosmos von Cocos-Keeling, genauer auf Home Island, Jahrzehnte lange Erfahrung; ohne sichtbare Erfolge.

Bei unserem Besuch auf Home Island sind wir auf dieses Haus gestossen. Das Bild stammt von der Webpage www.oceaniahousecocosisland.com. Das 1887 erbaute und mehrfach um- und angebaute Haus gehörte der Familie Clunies-Ross, die auf der Insel von 1831 bis 1978 in feudalen Zuständen lebte. Mit eigener Insel-Währung und eigener Gerichtsbarkeit inklusive Vollstreckung von 2 Todesurteilen durch Ertränken im Meer. So zumindest auf Wikipedia zu lesen.


Erst 1857 wurde die Insel britisch; davor war sie staatliches Niemandsland, auf dem John Clunies-Ross Kokosplantagen betrieb. Dass sie britisch wurde, basiert auf dem Missverständnis des Kapitäns Freemantle. Er hatte den Auftrag die gleichnamige Insel in der Insel-Gruppe der Andamanen für die britische Krone in Besitz zu nehmen. Die Original-"Urkunde" dieses irrtümlichen staatlichen Akts können wir im Haus bestaunen. 


Die Arbeiter auf den Plantagen waren malaiische Leibeigene, die der ehemalige britische Verwalter von Borneo Alexander Hare mit auf die Insel brachte, als er 1826 von den niederländischen Kolonialherrn Java gezwungermassen nach Cocos-Keeling umgesiedelt wurde. Er kultivierte die Insel mit Kokosnuss-Plantagen. Sein Verwalter war John Clunies-Ross. Hare verliess 1831 die Inseln und verstarb kurz darauf. Diesen Umstand nutze Clunies-Ross und eignete sich den Besitz an. Wo kein Kläger, da kein Richter. 5 Generationen Clunies-Ross herrschten seither wie Könige über die Insel.

1955 übernahm Australien von Grossbritannien die Inseln in sein Territorium. 1968 realisierte die Regierung die feudalen Zustände und fertigte 1971 einen Bericht darüber an. 1974 gab es eine Aufforderung der UNO Bericht zu erstatten, da sich nichts veränderte. 1978 kaufte die australische Regierung den grössten Teil der Insel für 6 Millionen australische Dollar der Familie Clunies-Ross ab. Die Einwohner durften zum ersten Mal wählen und das Inselgeld wurde durch die australische Währung ersetzt. 1984 stimmte die Bevölkerung für einen Verbleib bei Australien und 1987 wurde die Kobra-Produktion und damit die Plantagen aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt.


Seither läuft der Versuch mit dem Helikopter-Geld. Nach inoffiziellen Zahlen beträgt die Arbeitslosenquote 65-75%. Der grosse Rest der arbeitenden Bevölkerung sind Angestellte der öffentlichen Hand, die sich um das Wohl von etwa 500 Einwohnern kümmern. Die meisten sind Cocos-Malaien, also die Nachfahren der 1826 auf die Insel gebrachten malaiischen Sklaven. Bis heute hat es die Insel nicht geschafft auf eigenen wirtschaftlichen Beinen zu stehen. Einzig der Tourismus, und dort vor allem auf West Island, generiert eine gewisse Wertschöpfung. 


So leben die Empfänger des Helikopter-Geldes. Auch wenn die Insel klein ist, geht man nicht zu Fuss. Neben ein paar Autos bewegt man sich im Quad oder im Golf-Mobil über die gepflasterten Strassen.   

Auf Home Island gibt es nur ein Unterkunft, das Oceania House. Die heutigen Besitzer kauften es bei einer Versteigerung von der australischen Regierung und arbeiten seither an der Wiederherstellung. Sie übernahmen das Haus ohne Möbel. Als Antiquitätenhändler prädestiniert, möblieren sie das Haus mit alten Stücken aus Europa. 4 solcher Zimmer stehen der Gästen zur Verfügung. 


Ein Besuch lohnt sich, vor allem für diejenigen, die der Meinung sind, dass Helikopter-Geld eine blitzgescheite Idee sei. Hier kann man sich vom Gegenteil überzeugen.