Mittwoch 26. April 2017: Tag 9
Um 12 Uhr mittags Bordzeit (3 Stunden nach MESZ) war unsere Position 28°34,4’N, 13°42,0’W, 20 Seemeilen vor dem Ziel. Fast 24 Stunden fuhren wir unter Motor bis heute Morgen der Wind wieder einsetzte. Und wie schön. Südlicher Wind mit 4 bis 5 Beaufort schieben uns mit 7 bis 8 Knoten Bootsgeschwindigkeit über die Wellen nach Lanzarote. Welch ein Labsal nach den vielen Wochen segeln gegen den Wind. Seit Rio de Janeiro, also einer Distanz von 3700 Seemeilen oder 4500 gesegelten Meilen, ein echter Genuss mit achterlichem Wind unterwegs zu sein.
Bald wird Lanzarote ins Sicht kommen. Von dort sind es nur noch wenige Meilen bis zum Hafen. Vor dem Hafen werde ich die Segel bergen, die Fender und Festmacherleinen vorbereiten und unter Maschine in den Hafen fahren. Ein Routinemanöver wie wir es schon so oft gemacht haben. Heute aber zum ersten Mal alleine. Ursula wir am Besucherquai auf mich warten und die Leinen übernehmen und mir beim Festmachen von NOE helfen.
Dienstag 25. April 2017: Tag 8
Jetzt sind wir wirklich alleine. Unser einziger, wenn auch manchmal störrischer Verbündete, der Wind, hat uns verlassen. Schon heute Morgen wurde er zusehends schwächer und schlief gegen 11 Uhr vollständig ein. Seither sind wir unter Maschine mit direktem Kurs Lanzarote unterwegs, 175 Meilen entfernt.
Spätestens Donnerstag sollten wir in der Marina Puerto Calero an der Südost-Ecke Lanzarotes ankommen. Dann geht die 10 tägige Solo-Fahrt gegen den Wind zu Ende. Ob ich mich jemals einsam gefühlt habe, solange ohne andere Menschen in der Nähe? An sich nicht, habe ich jeden Tag mit Ursula telefoniert und Langeweile kam nie auf. Der Wind, auch wenn er ausschliesslich von vorne kam, hat uns das Leben auch nicht allzu schwergemacht. Bis auf die wenigen Meilen mit Windstärke 6 im Kanal zwischen den Inseln Santo Antoa und San Vincente hatten wir bisher auf der gesamten Strecke angenehme 3 bis 4 Beaufort mit ein paar Böen von 5 Windstärken. Und die aktuelle Flaute stellt mit der relativ kurzen Distanz zum Ziel und einem vollen Dieseltank auch keine Herausforderung dar.
Das Einhandsegeln auf Passagen, wo der Wind nicht von hinten schiebt, NOE nicht über die Wellen rauscht und nicht jeden Tag 150 bis zu 200 Seemeilen auf ein Ziel gutgemacht werden, hat auch seinen Vorteil. Es braucht eine ausgeprägte Leidenschaft zum Segeln, wenn das Boot tagelang entweder 10 bis 20 Grad auf der einen oder anderen Seite liegt und das nicht als nervenaufreibend empfunden wird. Die Toleranzgrenze für akzeptable Schräglage ist bekanntermassen personenspezifisch. Passiert ein Fehler ist man immer selber schuld und kann sich nur über sich selber ärgern.
Anderseits freue ich mich aufs Ankommen, geht nicht nur diese spezielle Passage zu Ende, sondern auch auf das Wiedersehen mit Ursula nach fast 4-monatiger Trennung seit meiner Abreise von zuhause nach Südafrika Anfang Januar für die beiden langen Passagen über den Atlantik und wieder zurück.
Um 12 Uhr mittags Bordzeit (3 Stunden nach MESZ) war unsere Position 26°36,2’N, 15°44,3’W. Mit einer gutgemachten Distanz von 91 Meilen bei einer Strecke von 134 Meilen ein durchschnittlicher Segel-Tag mit dem Highlight von zwei Buckelwalen, denen wir heute Morgen begegneten.
Montag 24. April 2017: Tag 7
Viele Einträge gab es im Logbuch während der letzten 24 Stunden. Nach der 9. Wende segelten wir mit ausgerefftem Grosssegel auf der Suche nach besserem Wind nach Osten. Bald waren wir wieder im Windfeld und je weiter wie nach Osten fuhren, desto schneller wurden wir.
So schnell, dass wir 2 Reffs ins Grosssegel machten, was aber zu vorsichtig war. Also wieder vollständig ausgerefft und es ging mit 1 bis 2 Knoten geschwinder voran. Für die Nacht zur Sicherheit ein Reff eingebunden und um kurz vor 23 Uhr wegen zunehmenden Windes das nächste Reff ins Gross. Als wir weit genug im Osten waren, wendeten wir um kurz vor 3 Uhr nachts zum 10. Mal.
Mondaufgang war kurz vor Sonnenaufgang. Die kleine Mondsichel ging direkt unterhalb der Venus auf. Schön anzusehen. Ich glaube es war die Venus, bin aber astronomisch wenig bewandert. Vielleicht kann ein Blog-Leser hier helfen.
Auf unserem Weg nach Nordwesten passierte das gleiche wie gestern. Der Wind wird schwächer, wir refften das Grosssegel aus und hatten 30 Minuten später nur noch wenige Knoten Wind aus Norden. Daher fuhren wir die 11. Wende, segelten Richtung Osten und waren bald wieder im Wind. Schöner Passat mit 3-4 Beaufort in den nächsten Stunden liessen uns schnell und für Segeln Hoch am Wind recht bequem vorankommen. So wie nach Westen der Wind ab einer bestimmten Grenze abstellt, wird er nach Osten kontinuierlich stärker. Als wir kurz vor 12 Uhr mittags 5 Beaufort hatten, entschieden wir zwischen Reffen oder Wende uns für die Wende Nr. 12. Jetzt sind wir gespannt, wie lange wir mit guten Wind nach Nordosten segeln können. Der Streifen mit angenehmen Wind scheint relativ schmal zu sein. Er liegt derzeit goldrichtig auf unserem Kurs.
Die viele Arbeit mit Wenden sowie Ein- und Ausreffen erbrachte uns eine Annäherung von 102 Seemeilen an Lanzarote bei 144 gesegelten Meilen. Da wir alle Manöver im Logbuch vermerken, mit entsprechender Schreibarbeit für den Logbuchführer.
Um 12 Uhr mittags Bordzeit (3 Stunden nach MESZ) war unsere Position 25°12,6’N, 16°29,0’W, 266 Seemeilen von Lanzarote entfernt. Der geringste Abstand zu einer Kanaren-Insel, Gran Canaria, beträgt 155 Seemeilen.
Sonntag 23. April 2017: Tag 6
In den letzten 24 Stunden haben wir die Wenden 7, 8 und 9 gefahren. Der Winddreher in östliche Richtung, wegen dem wir die 6. Wende fuhren und danach fast Richtung Hierro segeln konnten, hat uns bald wieder im Stich gelassen und wir mussten ein paar Grad abfallen. Trotzdem warteten wir mit der der nächsten Wende, Nr 7, bis um 2230, da wir auch nach Osten segeln müssen und nicht nur nach Norden. Der Nordost-Wind hält sich sehr beständig, was im Gebiet des Nordost-Passats die Erwartung ist und die Statistik über lange Zeiträume zeigt. Auch das Wetter entspricht den Erwartungen. Meist blauer Himmel über den der Passat seine Wolken von einem Horizont zum anderen schiebt.
Heute Morgen bei Sonnenaufgang um 0545 Bordzeit die nächste Wende, um den wieder leicht östlicheren Wind zu einem schnelleren Vorankommen auf unser Ziel zu nutzen. Hat auch gut geklappt. De Wind blies immer zwischen 4 und 5 Beaufort und die Verhältnisse waren so angenehm, dass ich nach meinem morgendlichen Müsli selber für 2 Stunden steuerte. Das erste Mal auf dieser Passage. Ansonsten hat der Autopilot die Fronarbeit des Steuerns leisten müssen. So schön das Segeln war, wir haben uns aus der windreichen Zone hinausgesegelt. Also Wende 9, genau zur Mittagszeit, mit Kurs afrikanische Küste. Dort soll laut Wetterdaten der Wind besser sein und die nächsten zwei Tage anhalten.
Die 3 Schläge brachten uns 90 Seemeilen näher an unser Ziel heran, von dem wir jetzt 368 Meilen entfernt sind. Für 90 Meilen Annäherung sind wir 162 Meilen gesegelt.
Um 12 Uhr mittags Bordzeit (3 Stunden nach MESZ) war unsere Position 24°21’N, 18°18’W.
Samstag 22. April 2017: Tag 5
Bergfest! Endlich haben wir die Hälfte dieser 950 Seemeilen langen Passage gegen den Wind hinter und gelassen. Heute Morgen um 0745 war es soweit, also nach fast 5 Tagen. Als wir die Strecke vor zweieinhalb Jahren in umgekehrter Richtung, also mit dem Wind und mit dem Strom segelten, waren wir in dieser Zeit schon fast angekommen. Aber was sind schon knapp 1’000 mühsame Seemeilen als Teil einer Reise von fast 40'000 Meilen.
Mühsam ist es wirklich. Nach der gestrigen Wende mussten wir feststellen, dass es mit dem erhofften günstigen Wendewinkel nichts wird, da uns Wellen und Strom nach Osten drücken. Zusätzlich, wie in der vorletzten Nacht, frischte der Wind auf und wir bargen das Grosssegel. So segelten wir bis heute Morgen direkt nach Osten und machten gegen eine unangenehme Welle in den letzten 24 Stunden nur 71 Meilen gut obwohl wir 169 Meilen durchs Wasser fuhren.
Als mitten in den Vorbereitungen zum Brotbacken heute Morgen der Wind Richtung Ost drehte, wendeten wir sofort und laufen seither mit nördlichem Kurs auf die Insel Hierro zu. 290 Meilen trennen uns von dieser Kanareninsel und wir segeln derzeit mit einer Geschwindigkeit von 7 Knoten. Sie ist die westlichste und kleinste Insel der Gruppe und wir wollen zur Östlichsten. Also nicht genau unser Ziel, aber zumindest Kanaren.
Das Brot ist mittlerweile aus dem Ofen und ich freue mich schon auf das Abendessen mit frischen Brot und Frischkäse, verfeinert mit etwas Pfeffer sowie Petersilie, belegt mit Radieschen. Die gab es in Mindelo auf dem Markt und ich habe genügend davon um mir jeden Abend dieses Vergnügen zu gönnen, vorausgesetzt, unsere tägliche Annäherung an Lanzarote bleibt nicht auf dem niedrigen Niveau von gestern.
Um 12 Uhr mittags Bordzeit (3 Stunden nach MESZ) war unsere Position 22°40,3’N, 18°37,5’W, 458 Meilen entfernt von Lanzarote.
Freitag 21. April 2017: Tag 4
Von meinem Kuchen ist nur noch ein kleines Stück übrig, das ich mir heute als Dessert zum Mittagessen; Kartoffelsalat und Spiegelei; genehmige. Der Kuchen schmeckte wohl so, wie die Convenience-Food Abteilung eines australischen Mehlkonzerns sich das gedacht hat. Es ist schon erstaunlich, was die Aromastoff-Industrie zu leisten vermag. Ich würde behaupten, dass dieser Zitronenkuchen beziehungsweise die Zutaten noch nie in Kontakt mit einer echten Zitrone kamen. Deshalb mein Fazit: essbar aber kein Vergleich zu meinen Lieblingskuchen Schwarzwälder Kirschtorte und Elsässer Apfelkuchen (möglichst warm mit viel Rahm essen) wenn sie mit viel Liebe und natürlichen, frischen Zutaten gemacht sind.
Gestern um halb 9 Uhr abends haben wir 50 Seemeilen westlich des Cap Blanc unsere 4. Wende dieser Passage gefahren. Die Delphine, die vor der Wende laut schnaubend und platschend neben uns durch die Nacht schwammen, drehten ebenfalls um 100 Grad nach Westen, entfernten sich aber bald. War wohl nicht ihr Kurs, da sie, nehme ich an, im flacheren Wasser des Festlandssockels ihrer Beute nachstellten. Wir hätten noch ein paar Meilen weiter auf diesen Kurs bleiben können, der rege Schiffsverkehr um das Kap war aber nicht unser Geschmack. Oft waren mehrere Tanker oder Frachter in einem Umkreis von 20 Meilen um uns. Einmal ging gleichzeitig einer 2 Meilen hinter uns durch, während der andere eine Meile vor unserem Bug durchfuhr. Keine kritische Situation aber nicht das Umfeld für einen ruhigen Schlaf.
Seit der Wende segeln wir in nordwestlicher Richtung nahezu lotrecht auf unsere direkte Kurslinie Kapverden - Lanzarote zu, die bei dem Manöver 160 Meilen entfernt war. Wenn wir die Kurslinie in 8 bis 10 Stunden heute Abend erreicht haben, werden wir die nächste Wende fahren. Laut Wetterdaten soll der Wind rechts der Kurslinie etwas stärker sein als links von ihr und da er weiterhin grossräumig aus Nordost kommt, scheint uns dies die bessere Alternative als weiter nach Nordwesten zu segeln, bis zu dem Punkt, wo wir ohne eine weitere Wende direkt zu den Kanarischen Inseln segeln können.
In der Nacht spielte uns der Wind einen kleinen Streich. Er frischte nach Mitternacht auf über 20 Knoten auf, weshalb wir das Grosssegel bargen. 10 Minuten später flaute er auf 12 Knoten ab und liess uns bei 5 Knoten Bootgeschwindigkeit in einer fiesen, spitzen und kurzen Welle stampfen. Der Wind kam zwar wieder, begnügte sich die restliche Nacht mit 15 Knoten maximaler Geschwindigkeit. Seit heute Morgen segeln wir im dritten Reff mit Nordost-Wind der Stärke 4 bis 5 mit einer annehmbaren Kombination aus Geschwindigkeit und Schräglage. Zumindest den Kartoffelsalat konnte ich ohne grössere artistische Fähigkeiten zubereiten.
Um 12 Uhr mittags Bordzeit (3 Stunden nach MESZ) war unsere Position 21°38,5’N, 19°15,7’W, 529 Meilen südwestlich von Lanzarote. Das heisst in den letzten 24 Stunden haben wir uns unserem Ziel um 68 Seemeilen genähert und dabei 163 Meilen gesegelt. Seit der Wende betrug die Annäherung nur 19 Meilen, da wir zwar nach Norden, aber gleichzeitig nach Westen, also von den Kanarischen Inseln wegsegeln. Nach der nächsten Wende, wo der Winkel zu unserem nächsten Wegpunkt vor der Insel Fuerteventura 50° betragen wird und wir hoffentlich zwischen 60 und 70° segeln können, werden wir wieder substanziell Strecke auf unser Ziel gutmachen.
Donnerstag 20. April 2017: Tag 3
Heute ist mein dritter Geburtstag auf See. Genau genommen ist es schon der vierte, da meine erste Atlantik-Überquerung vor 10 Jahren von Guadeloupe zu den Azoren als Mitglied einer 8-köpfigen Crew plus Skipper auf einer 55 Fuss Yacht ebenfalls zu dieser Zeit stattfand.
Das Bordleben eines Soloseglers sieht etwas anders aus als damals als Teil einer grossen Crew mit nur einer Wache von 4 Stunden pro Nacht und vielen helfenden Händen bei allen Arbeiten an Bord. Meinen Schlafrhythmus richte ich auf den zu erwartenden Schiffsverkehr aus. Bei wenig Verkehr schlafe ich eine Stunde, stehe für 5 Minuten auf, kontrolliere Segel sowie Kurs und schaue, ob ich am Horizont Lichter erkennen kann. Falls ich solche sehe und kein AIS Signal auf dem Bildschirm habe, bleibt mir nichts Anderes übrig als solange wach zu bleiben, bis ich sicher bin, dass eine Kollision ausgeschlossen ist. Wenn nichts zu sehen ist, gehe ich sofort wieder ins Bett und schlafe meist auch gleich wieder ein.
Das AIS, das automische Identifikationssystem, ist eine grosse Hilfe. Grössere Schiffe haben die Pflicht permanent ein Signal auszusenden, was der Empfänger anderer Schiffe interpretiert. Das Signal beinhaltet Name des Schiffes, Grösse, Kurs, Zielhafen, ETA (estimated time of arrival) und Geschwindigkeit. Aus unserem Kurs und Geschwindigkeit und den Angaben des anderen Schiffes wird als wesentliche Information der Zeitpunkt und die Entfernung der kleinsten Annäherung berechnet. Zudem warnt mich das Gerät, falls die Annäherung unter einen eingestellten Wert fällt. Auf kleineren Schiffen wie NOE sind solche Geräte freiwillig und man kann zwischen Apparaten wählen, die nur empfangen oder solchen die auch senden. Wir haben beide Funktionen, das heisst vorbeifahrende Schiffe sehen uns auf ihren Systemen und erhalten die Information, dass wir ein Segelboot sind, was für die Kollisionsverhütungsregeln wichtig ist. Schiffe unter Maschine müssen auf dem offenen Meer Schiffen unter Segeln ausweichen; unabhängig von der Grösse. Eine 100% Sicherheit ist das nicht, aber das System sieht bei guten Wetter Schiffe auf Distanzen von mehr als 30 Meilen, was eine Stunde schlafen zulässt. Kleine Schiffe ohne solche Systeme bleiben ein Risiko, jedoch gibt es nicht allzu viele davon hier draussen.
Bei dichterem Verkehr würde ich meinen Rhythmus von Schlafen und Aufstehen auf 30 Minuten reduzieren, was ich zum Glück bisher noch nie machen musste. Den Ein-Stunden Rhythmus beginne ich nach dem Abendessen um etwa 19 Uhr und beende ihn am Morgen zwischen 6 und 8 Uhr vor dem Frühstück.
Zwischen Frühstück und Mittagessen nutze ich die Zeit für Brot backen (alle 3 bis 4 Tage) und housekeeping auf NOE. Den täglichen Post für den Blog schreibe ich um die Mittagszeit mit den Positionsdaten von 12 Uhr. Mittagessen kochen, essen und Küche aufräumen nimmt bei einem Solosegler etwas mehr Zeit in Anspruch, da helfende Hände fehlen und ich bei der aktuellen Schräglage von NOE alle Bewegungen mit Bedacht ausführen muss. Am Nachmittag habe ich weniger fixes Programm bis auf 17 Uhr, wenn ich Ursula über Satellitentelefon anrufe.
Heute Morgen habe ich meinen Geburtstagskuchen gebacken. Nicht dass ich das etwa könnte, aber die Kuchenmischung eines Zitronen-Meringue-Kuchen, die wir seit Australien an Bord haben, war am Ende des Verfallsdatums und musste weg. Habe alles nach Anleitung ausgeführt und zumindest optisch ein zufriedenstellendes Resultat erzielt. Wie er schmeckt, weiss ich nach dem Mittagessen, was heute Reis mit Kohlgemüse sein wird. Auf der Packung steht, dass der Kuchen 12 Personen serviert werden kann. Nun ja, das wären eher kleine Stücke und da ich keinen Besuch erwarte, werde ich ihn alleine geniessen.
Um 12 Uhr mittags Bordzeit (3 Stunden nach MESZ) war unsere Position 20°01,3’N, 18°39,7’W, 597 Meilen südwestlich von Lanzarote. Das heisst in den letzten 24 Stunden haben wir uns unserem Ziel um 129 Seemeilen genähert und dabei 157 Meilen gesegelt. Noch immer geht es in nordöstlicher Richtung auf das Cap Blanc zu, was 100 Seemeilen vor unserem Bug liegt. Heute Nacht, wenn wir den 50 Meilen entfernten afrikanischen Festlandssockel erreichen, werden wir wenden. Dies vor allem um Fischerbooten aus dem Weg zu gehen, die wir dort erwarten. Ich werde in der ersten Nachhälfte auf der rechten Seite des Bettes in der Eigner-Kabine schlafen und die zweite Hälfte, wenn der Wind von steuerbord kommt und NOE nach backbord krängt auf der linken Seite. Das ist ganz angenehm, da ich mich an der jeweiligen Bordwand anlehne und zum Einschlafen das Gurgeln und Glucksen des verbeirauschenden Wassers höre.
Mittwoch 19. April 2017: Tag 2
Von den Inseln des grünen Kaps segeln wir, da der Wind seit gestern Abend mehr aus nördlicher Richtung kommt, zum weisen Kap an der afrikanischen Küste. Das mauretanische Cap Blanc befindet sich 360 Seemeilen nördlich des senegalesischen Cap Vert, welches mit einer geographischen Länge von 17°31’ W der am weitesten in den Atlantik ragende Teil Afrikas ist. Sein Bruder, das weisse Kap, schaut 25 Seemeilen weniger weit in den Atlantik. Dakar, auf der Halbinsel des grünen Kaps gelegen, ist mir vor allem als Ziel der gleichnamigen Wüstenrally Paris- Dakar bekannt.
Die Kapverden erhielten ihren Namen durch das von den portugiesischen Seefahrern bezeichnete Capo Verde an der afrikanischen Küste. Abgetrieben durch widrige Winde entdeckte der venezianische Seefahrer Alvise Cadamosto 1456 die 400 Seemeilen westlich des Capo Verde im Atlantik liegenden Inseln. Wahrscheinlich sah er nur eine Insel des damals unbewohnten Archipels. Er nannte sie Boa Vista, was in der ungemütlichen Situation eines vom Kurs abgekommenen Schiffes in der damaligen Zeit verständlich ist. Hätte er auch die anderen Inseln gesehen, hätte er die kaum bewachsene, wüstenartige Insel vielleicht anders getauft.
Nach der zufälligen Entdeckung wurde im Auftrag des portugiesischen Königs Heinrich der Seefahrer bewusst nach weiteren Inseln westlich von Cabo Verde gesucht. Innerhalb weniger Jahre waren den Portugiesen alle 10 Inseln des Archipels bekannt.
Anders als Alvise Cadamosto haben wir derzeit nicht nur günstige Winde, sondern wissen dank GPS auch jederzeit wo wir sind. Wir können einen Kurs von 60° zu fahren, also «nur» 20° östlicher als der direkte Kurs. Damit haben wir uns in den letzten 24 Stunden unserem Ziel um 130 Seemeilen genähert.
Zum Tageswechsel frische der Wind etwas auf, weshalb ich das Grosssegel um kurz nach null Uhr auf das 2. Reff verkleinerte. Die gesamte Prozedur besteht aus Grosssegel soweit auffieren, dass es im Wind steht, Segel schrittweise bis zum Reff 2 ablassen, dabei die Reffleinen 1-3 sowie die Leine am Kopfbrett einziehen, hydraulischen Unterliekstrecker (auf Neudeutsch Vang genannt) lösen, Baum mit der Dirk (das ist die Leine, die vom Baumende in die Mastspitze und weiter ins Cockpit führt) bis zum Schothorn von Reff 2 leicht nach oben ziehen und mit Reffleine 2 das Profil des verkleinerten Segels einstellen. Danach den Vang wieder spannen und das Grosssegel (auch das geht auf NOE hydraulisch) dichtholen. Zum Schluss müssen die im Cockpit liegenden vielen Meter Reffleinen aufgeschossen und versorgt werden. Hört sich komplizierter an als es ist und ich entschuldige mich für meine unterentwickelten didaktischen Fähigkeiten Segelmanöver zu erklären. Ungefähr 15 Minuten dauert der Vorgang, wenn ich ihn alleine und ohne die Hast eines Notmanövers zum Beispiel bei einer einfallenden nächtlichen Regen-Böe ausführe.
Am Abend besuchte uns eine grosse Gruppe Delphine. Als einige um NOEs Bug spielten, sah ich von verschiedenen Richtungen weitere Delphine auf uns zu schwimmen. Wie in Formation sprangen jeweils 4 oder 5 dieser intelligenten Meeressäuger zum Atmen aus den Wellen. Seit dem Äquator die erste Begegnung mit Delphine im nördlichen Atlantik.
Um 12 Uhr mittags Bordzeit (3 Stunden nach MESZ) war unsere Position 18°49,8’N, 21°05,0’W, 726 Meilen südwestlich von Lanzarote.
Noch eine Korrektur zu den Angaben zum Treibstoff-Verbrauch von gestern, wo mir 40 Liter entgangen sind, die wir auf Fernando de Noronha gekauft haben und mit dem Dingi ans Boot brachten, um den Verbrauch auf der Strecke von Salvador nach Fernando de Noronha auszugleichen.
Dienstag 18. April 2017: Tag 1
Gestern kurz nach 11 Uhr habe ich nach Ausklarieren sowie Einkaufen von frischen Früchten und Gemüse im Mercado Municipal meinen Liegenplatz in der Marina Mindelo verlassen. Mitarbeiter des Hafens halfen mir von einem Beiboot und vom Steg aus mit den Leinen beim Ablegen und ein paar Minuten später beim Festmachen an der Tankstelle.
187 Liter brauchte es um den 280 Liter fassenden Tank von NOE zu füllen. Die eiserne Reserve von 60 Litern in Kanistern hatte ich schon am Sonntag wieder aufgefüllt. Wir haben also von Salvador bis zu den Kapverden 247 Liter Treibstoff verbraucht. Dies für 50 Stunden unter Motor wegen der ungewöhnlich breiten Kalmen-Zone und 68 Stunden Generator für 22 Tage ohne Netzanschluss. Begnügt sich der Generator mit weniger als einem Liter pro Stunde lag der Verbrauch unseres 75 PS Diesel bei etwa 4 Liter pro Stunde. Tanken auf den Kapverden macht richtig Spass, da für 187 Liter nur 117 € zu bezahlen waren.
Danach stiessen die Mitarbeiter NOE vom Steg der Tankanlage ab und wünschten mit alles Gute für meine Solo-Fahrt nach Lanzarote. Es war schon ein spezielles Gefühl zum ersten Mal alleine mit NOE loszufahren. Der Wind trieb mich, oder soll ich uns sagen, aus Bucht, während ich die Fender und Festmacherleinen versorgte. Die Kapverden verabschiedeten uns wie sie uns begrüssten; mit viel Wind. Der Kanal zwischen der Inseln San Vincente, auf der Mindelo liegt, und der grösseren sowie höheren Insel Santo Antoa wirkt wie eine Düse. Hatten wir bei der Ankunft am letzten Mittwoch Böen über 30 kn, also Windstärke 7, gegen die wir aufkreuzen mussten, genügten uns gestern bei 25 Knoten Wind ein Schlag hinüber nach Santo Antoa und eine Wende um von den Inseln freizukommen.
Mit zunehmender Entfernung von den Inseln schwächte sich der Wind ab und ich konnte das Grosssegel bis zum 2. Reff setzen. Heute Morgen habe ich das Grosssegel vollständig ausgerefft, da sich der Wind, wie vom Wetterbericht vorhergesagt, auf 10 bis 12 Knoten verringerte. Nur die Richtung, er kommt genau aus Nordost, wo unser Ziel liegt, und der Strom, der mit mehr als einem Knoten der nach Süden schiebt, lassen uns nicht so schnell vorankommen. In den letzten 24 Stunden legten wir 148 Seemeilen zurück und nährten uns unserem Wegpunkt vor Lanzarote um 93 Meilen.
Um 12 Uhr mittags Bordzeit (3 Stunden nach MESZ) war unsere Position 17°49,2’N, 23°33,5’W, 857 Meilen südwestlich von Lanzarote.