Passage Kapstadt - St. Helena

Freitag 20. Januar 2017: Tag 10

Heute Morgen um viertel nach sieben erreichten wir die geographische Breite von St. Helena, halsten und segeln seither auf westlichem Kurs unserem Ziel entgegen. Bei der Halse hatten wir eine Position 160 Seemeilen östlich von St. Helena. Um 12 Uhr Mittag waren es noch 125 Seemeilen.

In der Nacht passierte uns in grossem Abstand ein Frachter auf seinem Weg nach Le Havre; das erste Schiff seit neun Tagen auf See. Währenddessen umkreiste uns eine Horde von Delphinen, deren Atmen uns auf sie aufmerksam machte. Sie zogen im Wasser einen fluoreszierenden Schweif aus Plankton hinter sich her, der in der bewölkten, dunklen Nacht besonders gut sichtbar war.

Mittlerweile haben wir den Gennacker gesetzt. Mit der höheren Geschwindigkeit des grösseren Segels läuft NOE fast wie auf Schienen und das Grosssegel schlägt kaum noch. Die Geschwindigkeit brauchen wir an sich nicht, da wir den Landfall auf St. Helena gerne bei Tageslicht machen wollen. Sonnenaufgang ist um 6 Uhr Ortszeit beziehungsweise 8 Uhr Bordzeit. Noch haben wir Kapstadt-Zeit an Bord und werden unsere Uhren erst in St. Helena umstellen. Das heisst, wir sollten in den nächsten 14 Stunden nicht mehr als 80 Seemeilen segeln, ansonsten lassen wir uns vor St. Helena bis zum Sonnenaufgang treiben oder wir versuchen eine der Mooring-Bojen in der Bucht vor Jamestown in der Dunkelheit zu fischen, was in einer stockdunklen Nacht ein schwieriges Unterfangen sein kann. Aber bis dahin vergehen noch ein paar Stunden.

Unsere Position um 12 Uhr Bordzeit (1 Stunde vor mitteleuropäischer Zeit) war 16°08’S, 3°28,5’W.

Donnerstag 19. Januar 2017: Tag 9

Viel Spannendes gibt es nicht zu berichten. Ausser dass unser Stromgenerator, der eigentlich eine Maschine ist, einen eigenen Willen entwickelt hat. Schaltet man Verbraucher wie Ladegeräte oder den Warmwasserboiler zu, sollte er die Drehzahl erhöhen. Anstatt reduziert er die Drehzahl, als wolle er uns sagen, dass wir nicht so viel Leistung von ihm abverlangen sollen. So laden wir nun unsere beiden Batterieblöcke einzeln und machen in einem dritten Schritt heisses Wasser. Als wir das letzte Mal ein ähnliches Phänomen hatten, genügten ein paar Bewegungen des Stellmotors, der das Regelsignal auf den Gashebel überträgt. In St. Helena werden wir versuchen dem Generator seinen eigenen Willen auszutreiben.

Seit Tagen kommt der Wind beständig aus Südost, mit 14 bis 20 Knoten, also 4 bis 5 Windstärken. Der Luftdruck ist nahezu konstant und zeigt nur die in den Tropen übliche Variation über den Tag. Auch in der letzten Nacht, wie schon in den vergangenen fünf Nächten, verdeckte eine nahezu vollständige Wolkenschicht das Mondlicht und sie bescherte uns einen grauen Start in den Tag. Wir sind gespannt, wann wir den ersten Sonnentag in diesem Seegebiet erleben dürfen.

Wir segeln etwa 20° Grad östlicher als der direkte Kurs, damit wir den Wind nicht genau von achtern haben. Auf diesem Kurs bewegen wir uns senkrecht zu den Wellen, was die Bewegungen des Schiffes angenehmer macht und die Segel weniger schlagen lässt. Wir erkaufen uns das mit einem längeren Weg zum Ziel. 260 Seemeilen betrug der direkte Weg nach St. Helena heute um 12 Uhr Bordzeit. Zu segeln haben wir etwa 80 Seemeilen mehr. Am Samstag, also nach 11 Tagen, werden wir wohl ankommen.

Unsere Position um 12 Uhr Bordzeit (1 Stunde vor mitteleuropäischer Zeit) war 18°07,6’S, 1°46,3’W.

Mittwoch 18. Januar 2017: Tag 8

Heute Morgen um viertel vor Acht haben wir den Nullmeridian gekreuzt. Wir sind nach mehr als zwei Jahren, seit wir entlang der spanischen Küste Richtung der Strasse von Gibraltar segelten, wieder westlich von Greenwich, sichtbar am „W“ anstatt „E“ beim Längengrad unserer Position.

Mit einer südlichen Breite von 20° nähern wir uns der Zone des Südost-Passats. Dennoch war der Himmel fast den ganzen Tag genauso grau wie in den Tagen zuvor. Erst am Abend lösten sich die Wolken grössenteils auf.-Der Übergang vom SO-Wind des St. Helena Hochs in den SO-Wind des Passats ist fliessend und für uns nicht wahrnehmbar. Einzig der Schwell verringert sich, was bei Windstärke 3-4 nicht verwunderlich ist. Die von gestern bis heute Mittag gutgemachte Distanz nach St Helena war mit 127 Seemeilen ein Negativrekord unter den Etmalen dieser Passage. Wir bemühen uns, diesen Rekord in den verbleibenden zwei Tagen nicht mehr anzugreifen.

Unsere Position um 12 Uhr Bordzeit (1 Stunde vor mitteleuropäischer Zeit) war 20°38’S, 0°27,3’W.

Dienstag 17. Januar 2017: Tag 7

Heute waren der Himmel und das Meer genauso grau wie an den beiden Tagen zuvor. Erst gegen Abend kam die Sonne, wenn auch zaghaft, hervor. Vielleicht hat es geholfen, dass eine Goldmakrele unseren Köder entdeckte und zubiss. Sie an Bord zu holen war kein Problem, weshalb wir heute und morgen frischen Fisch auf dem Speisezettel haben.

Der Rest des Tages ist schnell erzählt. Ein grauer Tag mit abnehmendem Wind, nachlassender Bootsgeschwindigkeit und immer noch hoher Welle. NOE geigt weiterhin in der bewegten See hin und her. Wegen des leichten Windes bei immer noch hoher Welle segeln wir nur mit der Fock, da das Grosssegel zu stark schlagen würden. 147 Seemeilen sind wir St. Helena in den letzten 24 Stunden nähergekommen. Die verbleibenden 538 Seemeilen werden wir bei den aktuellen Verhältnissen nicht in 3, sondern eher in 4 Tagen schaffen.

Unsere Position um 12 Uhr Bordzeit (1 Stunde vor mitteleuropäischer Zeit) war 21°33’S, 1°42,5’E.

Montag 16. Januar 2017: Tag 6

Während in vielen Berichten andere Segler die Route von Kapstadt im südlichen Atlantik nach Nordwesten als eine ihrer geruhsamsten beschreiben, zeigt uns das Meer auch seine Zähne. Anders als der Wetterbericht vorhergesagt und bei konstantem Luftdruck frischte der Wind gestern Abend im einem Regenschauer auf 6 Beaufort auf. Kurz vor dem Wachwechsel um Mitternacht wieder ein Schauer mit viel Wind, weshalb wir das Grosssegel bargen und seither nur mit der Fock unterwegs. Im weiteren Verlauf der Nacht überstieg der Wind mehrmals die 30 Knoten Grenze, also 7 Windstärken. Wir waren zufrieden mit unserer Entscheidung bei der Segelfläche abzurüsten.

Durch den Wind baute sich eine grobe See auf. NOE schwankt in den bis zu 3 Meter hohen Wellen von links nach rechts. Das Bordleben geht trotzdem seinen gewohnten Gang, auch wenn das geschmeidige Synchronisieren unserer Bewegungen mit denen des Schiffes nicht immer gelingt. Vom Kochen hält uns das nicht ab. Gestern gab es Kartoffelgratin und frischem Fruchtsalat als Dessert. Heute Pilz-Risotto mit Salat.

Der Wind kommt beständig aus Südost, bläst damit genau in unsere Fahrtrichtung. Wir luven leicht an (für Nichtsegler, wir segeln 20° westlicher oder östlicher als der direkte Weg), damit das Boot ruhiger segelt. Dadurch verlängert sich die zu segelnde Strecke um etwa 15%. In den letzten 24 Stunden haben wir uns um 159 auf 685 Seemeilen St. Helena genähert. Gesegelt sind wir dafür jedoch 186 Seemeilen.

Unsere Position um 12 Uhr Bordzeit (1 Stunde vor mitteleuropäischer Zeit) war 23°25,5’S, 3°28’E.

Sonntag 15. Januar 2017: Tag 5

Heute um 11.15 Bordzeit, also 5 Tage nach unserem Start am Tafelberg, hatten wir die Hälfte der Strecke Kapstadt St. Helena im Kielwasser und die andere Hälfte vor dem Bug. Ob es auch Halbzeit ist, werden wir in den nächsten Tagen sehen.

Nach der aktuellen Wetterprognose, die schwächer werdenden Wind aus Südost meldet, sind für unseren weiteren Weg nach Nordwesten keine besonderen Etmale zu erwarten. Trotzt unseres gestrigen Ritts unter Spinnacker reichte es nur für 160 Seemeilen in 24 Stunden. Der achterliche Wind (also direkt von hinten) ist mit 12 bis 16 Knoten sehr angenehm, jedoch zu schwach, um das Schlagen der Segel, des in den Wellen schwankenden Bootes, zu verhindern. So kreuzen wir vor dem Wind, was die zu segelnde Strecke verlängert und unsere Etmale, berechnet aus der gut gemachten Strecke nach St. Helena, schmälert.

Heute Morgen passierten wir die Valdivia Bank, eine Untiefe 23 Meter unter der Wasseroberfläche, 500 Seemeilen östlich von Lüderitz in Namibia. Kein Problem mit unserem Tiefgang von 2.8 Metern aber laut dem Segelführer von Jimmy Cornell „Segelrouten der Welt“ sollen sich an dieser Stelle Monsterwellen bilden können.

Dass wir wissen, wo diese Untiefe liegt, verdanken wir der Papierseekarte, die den gesamten Atlantik zwischen Südamerika und Afrika abbildet. Trotz des Massstabs von 1:10‘000‘000 ist die Untiefe verzeichnet. Auf beiden elektronischen Karten, die die Daten für die elektronischen Navigationssysteme an Bord liefern, fehlt der Eintrag. Dafür erscheint beim Hochfahren der Systeme der Hinweis, dass sie nur Navigationshilfen darstellen, die die Arbeit mit offiziellen Karten erleichtern sollen. Auch wird darauf hingewiesen, dass man niemals allein den Gerätefunktionen vertrauen soll. Zumindest weiss der Hersteller um die Mängel seiner Produkte.

Unsere Position um 12 Uhr Bordzeit (1 Stunde vor mitteleuropäischer Zeit) war 25°52’S, 4°59’E., 844 Seemeilen bis St. Helena.

Freitag 13. Januar 2017: Tag 3

Einzig der schwankende Wind erforderte in den letzten 24 Stunden unsere Aufmerksamkeit. Nach einem sehr ruhigen Nachmittag mit 4 Beaufort frischte der Wind gegen 21 Uhr in Böen auf 7 Windstärken auf, weshalb wir das Grosssegel bargen und nur unter Fock mit 9 bis 10 Knoten Bootsgeschwindigkeit in die Nacht hineinsegelten. In den folgenden 6 Stunden machten wir 50 Seemeilen auf St. Helena gut. In den Morgenstunden wurde der Wind wieder schwächer und erlaubte uns „nur“ ein Etmal von 178 Seemeilen. Somit liegen 1174 Seemeilen zwischen uns und St. Helena.

Fische, wenn es dann welche hat, sind nicht sehr beissfreudig. Wir ziehen den Köder hinter uns her, aber ohne jeglichen Erfolg oder Teilerfolg.

Ansonsten ist an Bord alles o.k. und die Magennerven der Crew erlauben schon halbe Portionen des vom Skipper gekochten Mittagessens. Oder sind es gar nicht die Magennerven, die die Portionsgrösse bestimmen?

Unsere Position um 12 Uhr Bordzeit (1 Stunde vor mitteleuropäischer Zeit) war 28°55’S, 10°11,5’E.

Donnerstag 12. Januar: Tag 2

In den letzten 24 Stunden hat sich das Meer beruhigt, die Wellenhöhe abgenommen und der Luftdruck ist über 10 mbar gestiegen. Zudem scheint mittlerweile die Sonne bei fast wolkenlosem Himmel, der in der letzten Nacht noch vollständig bedeckt war, was den Blick auf den Vollmond verstellte.

Wir nähern uns dem im subtropischen Südatlantik wetterbestimmenden Hochdruckgebiet, das südlich von St. Helena liegt. An seinem östlichen und später nördlichen Rand sollten wir mit günstigem Wind in den nächsten Tagen gut vorwärtskommen, wenn wir uns dem Kern des Hochs nicht zu sehr nähern. Bis auf ein paar Stunden mit schwächerem Wind segeln wir mit 7 bis 8 Knoten über Grund bei Windgeschwindigkeiten von 15 bis 20 Knoten direkt auf St. Helena zu. Von der unterstützenden Wirkung des Benguela-Stroms, der entlang der afrikanischen Küste nach Norden fliesst, merken wir nichts. Seitdem wir uns von der Küste deutlich entfernt haben, kreuzen keine Frachtschiffe unseren Kurs. Ausser ein paar Seevögeln haben wir keine Begleiter.

Unsere Position um 12 Uhr Bordzeit (1 Stunde vor mitteleuropäischer Zeit) war 30°37,5’S, 12°58,0’E, womit wir in den letzten 24 Stunden 180 Seemeilen St. Helena nähergekommen sind.

Mittwoch 11. Januar:  Tag 1

Kurz nach 12 Uhr Mittag lösten wir gestern unsere Festmacherleinen. Wenige Augenblicke später hatten wir uns schon wieder am Stag vertäut, da der Gashebel klemmte und wir mit der Maschine weder vorwärts noch rückwärts fahren konnten. Mit ein paar Spritzern WD40 auf den Schalthebel und die Schaltmechanik war das Problem gelöst und wir konnten unsere Leinen nun endgültig lösen.

Die beiden Brücken vor der Marina öffneten sich für uns und wir verliessen Kapstadt mit vielen positiven und nachhaltigen Eindrücken. Vorbei an Robben Island, der Insel, auf der die Führer des ANC während der Apartheit gefangen waren, ging es hinaus auf den südlichen Atlantik. In vielen Berichten von Seglern als angenehmer Ozean beschrieben, sind wir gespannt, welche Erfahrungen wir auf der 1700 Seemeilen langen Strecke nach St. Helena machen werden. Die ersten drei Stunden ging es  bei Windstille nur unter Maschine vorwärts. Erst dann stellte sich der vorhergesagte Wind von 5 Beaufort aus südlicher Richtung ein.

Es wurde empfindlich kühl und die bis 3 Meter hohen Wellen und die kabbelige See strapazierten die Magennerven meiner Crew stark. Mit Scopoderm, dem Mittel welches auch bei der Skipperin Wunder wirkte und einer durchgeschlafenen Nacht, sah heute Morgen die Welt für Hagen schon wieder besser aus.

Unsere Position um 12 Uhr Bordzeit (1 Stunde vor mitteleuropäischer Zeit) war 32°25,2’S, 15°48,0’E. In den ersten 23.5 Stunden haben wir 158 Seemeilen St. Helena gutgemacht.

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