Anders als die Überschreitung des Äquators, die beim ersten Mal auf See gebührend gefeiert wird, ist das Überfahren oder besser das Übersegeln des Nullmeridians keine Erwähnung wert. Ich tue es trotzdem und erfülle damit den Bildungsauftrag dieses Blog.
Eine kleine Eselsbrücke für diejenigen, die wie ich Längen- und Breitengrade verwechseln (mittlerweile beherrsche ich es, was für den glücklichen weiteren Verlauf der Reise von Vorteil ist). Anstatt Breitengrad sagt man auch Breitenparallel, da die Breitengrade parallel zum Äquator die Erdkugel schneiden. Die Längengrade kommen hingegen alle bei den Polen zusammen. Mein Vater hat mir das mit dem Vergleich beim Schälen einer Orange erklärt.
Der Äquator ist also der Breitengrad mit dem grössten Durchmesser, alle anderen haben einen geringeren und der 90. Grad südlicher oder nördlicher Breite hat keinen Durchmesser. Die Längengrade oder Meridiane sind alle gleich lang (noch eine Eselsbrücke).
Da alle Längengrade gleich sind, braucht es eine Definition, welcher der Nullmeridian ist. Von diesem ausgehend gibt es 180 Längengrade in westlicher und 180 Längengrade in östlicher Richtung. Man hätte auch ein System mit 360 Längengraden aufbauen können. Auf der internationalen Nullmeridian-Konferenz 1884 in Washington wurde der durch die Sternwarte Greenwich gehende Längengrad als Nullmeridian festgelegt. Zur Auswahl stand neben weiteren Vorschlägen auch der Längengrad, der durch die Sternwarte von Paris verläuft und für das französische System gebräuchlich war. Wohl haben sich die Engländer durchgesetzt, da ihre Seekarten schon damals die grösste Verbreitung hatten.
Auch wir benutzen für unsere Reise die sogenannten BA Karten, was für das Hydrologische Büro der Britischen Admiralität steht, dessen Logo diese Karten ziert.
Jedes Grad auf einem Längen- oder Breitengrad ist in 60 Minuten aufgeteilt. Entlang eines Längengrads oder auf dem Äquator entspricht die Länge einer Minute genau einer nautischen Meile. D.h. die Entfernung von Äquator zum Nord- oder Südpol ist 90 Grad x 60 Minuten x 1.852km (das ist Länge einer Seemeile in km), also 10´000.8km. Der Erdumfang ist das vierfache, also ca.
40´000km.
Dass die Minute auf einem Längengrad gerade einer Seemeile entspricht hat eine angenehme praktische Konsequenz. Will man auf einer Seekarte eine Entfernung bestimmen, stellt man den Stechzirkel auf die beiden Punkte ein, geht an den linken oder rechten Rand der Karte und liest die Entfernung an der Minuteneinteilung ab. Damit es genau ist, muss man auf der geographischen Breite ablesen, auf der sich die Punkte befinden.
Dies haben wir dem flämischen Gelehrten Mercator (er hiess Gerard de Kremer, hat aber seinen Namen lateinisiert) zu verdanken, der Ende des 16. Jahrhunderts die nach ihm benannte Mercator-Projektion entwickelte. Auf diesem System basieren alle rechtwinkligen Landkarten. Aber dazu in einem anderen Post mehr.
Unsere aktuelle Position ist 36°43.6' Nord und 3°43,5' West. Wir befinden uns also auf der nördlichen Hälfte der Erde sowie etwas westlich von Greenwich und es regnet in Strömen.


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